Ohne öffentliche Gesundheitsversorgung keine Bereitschaft Steuern zu zahlen

Veronika Dolna von der “Furche” führte das folgende Gespräch mit Thomas Szekeres am 11.1.2012

Vor einem Monat drohten die AKH-Ärzte mit Streik, jetzt scheinen die Wogen geglättet. Warum junge Kollegen trotzdem um ihre Jobs bangen, erklärt der Betriebsrats-Chef Thomas Szekeres.

   Auf Thomas Szekeres’ Schreibtisch stehen zwei Computer. Der eine gehört dem Allgemeinen Krankenhaus (AKH). Über das Intranet hat er Zugang zu Patientendaten. Der zweite gehört der Medizinischen Universität. Er verbindet ihn mit einem anderen Netzwerk. Zusammenschließen lassen sich die beiden Computer nicht. Im Gespräch mit der FURCHE spricht der Betriebsratsvorsitzende des AKH über Abstimmungsprobleme, Finanzierungsengpässe und die Stimmung unter dem ärztlichen Personal.

DIE FURCHE: Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle sicherte eine finanzielle „Überbrückungshilfe“ von 9 Millionen zu. Ist nach den großen Betriebsversammlungen und Streikdrohungen vom Dezember jetzt wieder Ruhe eingekehrt?
Thomas Szekeres: Nur partiell. Die angekündigte Reduktion der Nachtdienste wurde vom Rektor zurückgenommen. Aber das Geld ist vom Ministerium nur geborgt. Auch die Uni-Milliarde ist für uns kein Zusatzbudget, sondern reicht lediglich, um die Inflation auszugleichen und die automatischen Gehaltssprünge der beamteten Kollegen zu bezahlen. Ich fürchte, dass die Probleme noch heuer wieder aufflackern. Auch weil die zweite angekündigte Sparmaßnahme, der absolute Aufnahmestopp, noch nicht gänzlich zurückgenommen wurde. Nach wie vor werden frei werdende Stellen nur sehr restriktiv besetzt.

DIE FURCHE: Und das betrifft vor allem junge Ärzte?
Szekeres: Viele junge Kollegen haben befristete Verträge. Wir befürchten, dass viele nach dem Auslaufen nicht verlängert werden. Das hat fatale Auswirkungen auf die Zukunft, es fehlt dann eine ganze Generation an Ärzten. In Abteilungen, wo mehrere Kollegen in Pension gehen, entstehen so Löcher, die kurzfristig nicht zu stopfen sind, weil die Ausbildung oft sehr lange dauert.

DIE FURCHE: Was haben die jungen Ärzten, die sich seit ein paar Jahren von befristetem Vertrag zu Vertrag gehantelt haben, dann noch für Optionen?
Szekeres: Sie müssen sich woanders, im Ausland, eine Beschäftigung suchen. Das ist problematisch. Ein Viertel aller Medizinstudenten in Österreich kommt aus dem Ausland, aber nur wenige von ihnen bleiben nach der Ausbildung hier. Außerdem gehen immer mehr österreichische Absolventen ins Ausland. Die Bereitschaft dazu ist bei den Jüngeren sehr groß.

DIE FURCHE: Ist das AKH nicht ein besonders attraktiver Arbeitsplatz für Jungärzte, weil sie hier Forschung betreiben können?
Szekeres: Ja, hier wird Spitzenmedizin auf sehr hohem Niveau angeboten. Das ist natürlich spannend Aber man arbeitet auch unter einem Dreifachdruck. Von Assistenzärzten werden zusätzlich zur Routinearbeit auch Forschungsergebnisse und Lehrtätigkeiten erwartet. Das lässt sich schwer trennen voneinander: Man bezieht Routinepatienten in Studien mit ein. Es ist daher kein Vorteil für die Wissenschaft, wenn es weniger Patienten gibt.

DIE FURCHE: Oft wird argumentiert, dass Spitäler gerade dann sparen können, wenn man die Patienten von den Krankenhäusern in Arztpraxen umleitet.
Szekeres: Man muss differenzieren zwischen stationärem und ambulantem Bereich. Im stationären Bereich würde es bei uns keinen Sinn machen, weniger Patienten zu behandeln. Schon die Betriebskosten sind so hoch, dass das unwirtschaftlich wäre. Im ambulanten Bereich hingegen müsste man dazu übergehen, mehr Routineversorgung bei niedergelassenen Ärzten anzubieten. Dazu bräuchte es mehr Kassenverträge. Es gibt heute so viele Verträge wie in den 1960er Jahren bei weitaus größeren medizinischen Möglichkeiten. Leider wird die Finanzierung der beiden Bereiche aber aus unterschiedlichen Töpfen bezahlt.

DIE FURCHE: Eine Finanzierung aus einer Hand würde auch Abläufe im AKH vereinfachen…
Szekeres: Natürlich, aber das ist unrealistisch. Ein Hauptproblem ist, dass in dem Vertrag zwischen der Uni und der Stadt Wien kein Leistungsumfang definiert ist, für den die Stadt der Uni 40 Millionen Euro im Jahr zahlt. Es wäre sinnvoll, klar zu sagen, welche Leistungen man dafür erbringen muss. Die Zusammenarbeit könnte jedenfalls verbessert werden.

DIE FURCHE: Wird daran gearbeitet, jetzt, wo ein 9 Millionen-Pflaster auf die Wunde geklebt wurde?
Szekeres: Ja, aber hier ist die Politik gefordert. Ich erwarte mir von der Politik ein klares Bekenntnis zu diesem Spital – und eine entsprechende Finanzierung. Seit die Medizinische Uni 2004 eigenständig wurde, sind Mehrkosten entstanden, die nie ersetzt wurden. Das müsste die öffentliche Hand finanzieren.

DIE FURCHE: Die öffentliche Hand ist momentan aber alles andere als spendabel. Die Regierung will pro Jahr 2 Milliarden Euro einsparen.
Szekeres: Dann soll die öffentliche Hand klar sagen, was sie will, oder eben nicht will. Aber das ist nicht passiert. Man erwartet von uns bei stark reduziertem Budget die volle Leistung. Das ist nicht mehr machbar. Und bei allem Verständnis für Einsparungen und Schuldenbremsen: Gesundheit ist ein Bereich, wo nicht prioritär gespart werden soll. Es gehört zu den Grundaufgaben des Staates. Und wenn sich der Staat aus allen Bereichen zurückzieht, bin ich irgendwann nicht mehr bereit, Steuern zu zahlen.

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