Männlich, alleinstehend, unter 47 Jahre, Spitalsarzt…

… und burnout-gefährdet

Die Universitätsklinik für Psychiatrie der MedUni Graz hat im Auftrag der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK) weltweit erstmals eine wissenschaftliche Studie zu diesem Thema durchgeführt, welche die Basis für weiterführende Untersuchungen bilden wird. Das Projekt steht unter der Leitung von Univ.-Prof. Peter Hofmann und lief vorerst von November 2010 bis Februar 2011 unter Beteiligung von österreichweit insgesamt 6.249 Ärztinnen und Ärzten.

Das Ergebnis: Knapp 54 Prozent der Befragten befinden sich in unterschiedlichen Phasen des Burnouts.

   Es besteht also Handlungsbedarf. Der Präsident der Österreichischen Ärztekammer, Walter Dorner, fordert Reformen im Gesundheitswesen, vor allem auch bei den Spitälern, und ein Überdenken der kollegialen Führung, die sich neben anderen Faktoren wie lange Dienstzeiten, Überstunden und Nachtdienste als elementarer Stressfaktor erweise. „Das Ergebnis der Umfrage führt uns vor Augen, unter welchem Druck Ärztinnen und Ärzte tagtäglich stehen“, resümierte Dorner am Donnerstag, 14.4.2011, bei einer Pressekonferenz.

Burnout: Drei Phasen
An der Studie konnten Ärztinnen und Ärzte online mit einem Passwort teilnehmen. Jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin erhielten dabei unmittelbar nach der Eingabe eine sofortige Auswertung und damit eine valide Einschätzung des persönlichen Burnout-Risikos. Die anonymisierten Datensätze werden für wissenschaftliche Zwecke weiterverwendet. „Nach kritischer Analyse konnten wir 6.249 korrekte Datensätze auswerten; das entspricht einer Teilnahmequote von 14,38 Prozent und ist hochrepräsentativ“, erläuterte Studienleiter Univ.-Prof. Peter Hofmann.
Rund 54 Prozent der Befragten befinden sich demnach in unterschiedlichen Phasen des Burnouts, der Großteil davon in der harmlosen Phase 1.

Phase 1 zeichnet sich durch emotionale Erschöpfung sowie die Unfähigkeit zur Entspannung aus und ist temporär“, so Hofmann. Dieses „tägliche Burnout“ sei aber durch entsprechende Regeneration rasch kompensierbar und betreffe in erster Linie Frauen.

Phase 2 ist geprägt durch ein Abstumpfen gegenüber privaten Interessen und Beziehungen, ebenso durch Hilflosigkeit und körperliche Beschwerden.

Diese Symptome verstärken sich in Phase 3 noch weiter, in der von einer behandlungswürdigen Krankheit gesprochen werden muss. 

Die Ärzte seien überdurchschnittlich gefährdet, so Hofmann weiter: „In anderen, vergleichbaren Hochleistungsberufen wie z.B. bei Richtern, Wirtschaftstreibenden und Wirtschaftstreuhändern liegt die Zahl der belasteten Personen deutlich niedriger – nämlich bei durchschnittlich ungefähr 40 Prozent.“ 

Jung, männlich – und gefährdet
Besonders gefährdet sind männliche Spitalsärzte bis 47 Jahre, und hier wiederum vor allem jene, die sich in einer Ausbildung zum Facharzt befinden sowie Turnus- und Fachärzte. Nachtdienste und Notarzttätigkeit lassen das Burnout-Risiko weiter steigen. Auch Singles, denen der soziale und emotionale Rückhalt einer Partnerschaft bzw. einer Familie fehlt, sind deutlich stärker gefährdet. Und: Wer bereits an einer Depression leidet, läuft Gefahr, zusätzlich ins Burnout zu schlittern – und umgekehrt.

„Dass speziell Spitalsärztinnen und –ärzte gefährdet sind, ist leider nicht weiter verwunderlich, im Gegenteil: Die Gründe für ihre Gefährdung liegen klar auf der Hand“, führte Dorner aus. Überlange Dienstzeiten, Nachtdienste, überbordende Bürokratie und Administration, die verbesserungswürdige Zusammenarbeit der einzelnen Berufsgruppen sowie Personalmangel würden der Spitalsärzteschaft schon seit Jahren das Leben schwer machen und seien als Hauptursachen für Burnout zu sehen. Dorner: „Neben den beruflichen sind auch private Stressfaktoren zu berücksichtigen – jüngere Kolleginnen und Kollegen, die sich mitten in der Familienplanung befinden, sind einer doppelten Belastung ausgesetzt.“

Unklare Führungsverantwortung
Ein schwerwiegendes Problem sind ungeklärte Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten in den Spitälern. Hier erweise sich die kollegiale Führung als „elementarer Stressfaktor“ für die Ärztinnen und Ärzte. Dorner: „Wir müssen die Führungsverantwortung im patientennahen Bereich überdenken und neu strukturieren. Die Ärztinnen und Ärzte sind in den Spitälern zunehmend mit dem Umstand konfrontiert, dass sie die Letztverantwortung etwa auch für den Pflegebereich übernehmen müssen. Das ist aus organisatorischer Sicht und aufgrund der konkreten Anforderungen an die Führung eines medizinischen Betriebes kontraproduktiv.“

Burnout-Prävention
Es bedürfe daher einer umsichtigen Spitalsreform, die das Hauptaugenmerk auf die im Spital tätigen Menschen lege anstatt auf die bloße Ökonomie. „Es sind nicht zuletzt Ökonomisierung, Rationalisierung und Effizienzsteigerung, die den aktuellen Zustand mitverschuldet haben“, betonte der Ärztechef. Oberflächliche Maßnahmen zur Entlastung der Betroffenen seien reine Kosmetik, die Streichung von Dienstposten und extreme Rationalisierungen würden die Problematik weiter verschärfen. Dorner: „Dienstposten zu eliminieren mag zwar in der Jahresbilanz gut aussehen, aber für die verbliebenen Ärztinnen und Ärzte bedeutet die Entlassung von Kolleginnen und Kollegen zusätzlichen Stress und ein wachsendes Arbeitspensum. Die ÖÄK bringt für die belastenden Zustände in den Krankenhäusern seit Jahren Lösungsvorschläge zur Sprache, aber angesichts der aktuellen Pläne der Spitalsreform scheint es, als seien unsere Forderungen bislang ungehört verhallt.“

Lösungsansätze
Um das Burnout-Risiko der Spitalsärzteschaft nachhaltig zu senken, müsse ein Bündel an strukturellen Reformen umgesetzt werden, so der ÖÄK-Präsident. Dazu gehörten neue, flexible Arbeitszeitmodelle, spitalseigene Betreuungsplätze für Kinder und nicht zuletzt der Ausbau des niedergelassenen Bereichs. Auch die Führungsstrukturen in den Spitälern müssten angepasst werden: Die faktische Letztverantwortung der Ärzte im patientennahen Bereich müsse sich in den Führungsaufgaben klar niederschlagen und geregelt werden. Zur Entlastung der Spitalsärzteschaft von Administration und Dokumentation bedürfe es der flächendeckenden Installation von Administrationsassistenten; schließlich dürfe die durchgehende Dienstzeit 25 Stunden nicht überschreiten. Die Umsetzung dieser Maßnahmen bedeute einerseits eine Entlastung für die Spitalsärztinnen und –ärzte, andererseits auch mehr Qualität für die Patientinnen und Patienten, so Dorner.

Niederlassungen: Journaldienste als Risikofaktor
Doch auch im niedergelassenen Bereich ist Burnout ein Thema. Speziell Journaldienste und Rufbereitschaft erweisen sich als Risikofaktoren, und auch hier ist man gegen überbordende Bürokratie und Dokumentation als Mitverursacher von Burnout nicht gefeit. Von Journaldiensten sind vor allem Landordinationen betroffen, deren gegenwärtige existenzielle Gefährdung man nicht hinnehmen dürfe, so Dorner: „Die Bevölkerung müsste längere Wege in Kauf nehmen, um sich medizinisch versorgen zu lassen. Gleichzeitig stellt es für den niedergelassenen Arzt eine enorme Belastung dar, wenn er zusätzlich zu seinen eigenen Schäfchen die Patientinnen und Patienten umliegender Gemeinden mit versorgen muss.“ Der Beruf des Landarztes müsse folglich aufgewertet und attraktiver gemacht werden, es bedürfe einer ausgewogenen Balance zwischen Niederlassungen und Spitälern, um die medizinische Versorgung der Bevölkerung flächendeckend zu sichern – ohne dass die Ärztinnen und Ärzte an den Rand des Burnout gedrängt würden. Das Hausarztmodell der ÖÄK könne einen wertvollen Beitrag zur Aufwertung des Haus- und Vertrauensarztes speziell am Land leisten, führte Dorner weiter aus. Dabei´können auch Fachärzte die Position eines Haus- bzw. Vertrauensarztes einnehmen, ein Umstand, der angesichts der bevorstehenden Spitalsreform doppelt wichtig ist: „Wird die Reform wie geplant durchgezogen, wird es Fachärzte bald nur noch in den Spitalsambulanzen geben und die eigene Facharzt-Praxis der Vergangenheit angehören“, warnte Dorner vor einer Ausdünnung der niedergelassenen Strukturen.

   Die Ärztekammer plant zusätzlich ein Präventionsprojekt, das die nachhaltige Senkung des Burnout-Risikos in den Niederlassungen zum Ziel hat; federführend ist dabei Univ.-Prof. Wolfgang Lalouschek, MedUni Wien. „Das Projekt soll über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren zunächst in Wien stattfinden, regelmäßige Veranstaltungen wie Vorträge und Coachings sollen das Burnout-Risiko reduzieren“, führte Lalouschek die Eckpunkte des Projekts aus. Als Belastungsfaktoren im niedergelassenen Bereich sieht er einerseits die hohe Patientenfrequenz, andererseits die „Gefahr der Vereinsamung“. Prävention müsse dabei breit angelegt werden, erklärte Lalouschek. In Workshops würden daher unter anderem (Ehe)Partner, aber auch Mitarbeiter der betroffenen Ärztinnen und Ärzte einbezogen; ein weiterer Schwerpunkt liege auf der Kommunikation in schwierigen Situationen.

Daten, Fakten, Forderungen
• An der Studie beteiligten sich 6.249 Ärztinnen und Ärzte, Teilnehmerquote:
14,48 Prozent
• 54 Prozent der Befragten sind burnout-gefährdet
• Burnout findet in drei Phasen statt
Phase 1: emotionale Erschöpfung, Unfähigkeit zur Entspannung – sog. „tägliches Burnout“
Phase 2: Abstumpfen gegenüber Interessen und Beziehungen, Hilflosigkeit, körperliche Beschwerden
Phase 3: Symptome aus Phase 2 verstärken sich und werden behandlungsbedürftig
• Besonders gefährdet: Spitalsärzte bis 47 Jahre; Ärzte in Ausbildung zum Facharzt, Fachärzte, Turnusärzte; Singles ohne sozialen und emotionalen Rückhalt
• Gründe für Burnout: überlange Dienstzeiten, Nachtdienste, überbordende Bürokratie und Administration, Personalmangel in den Spitälern, Journaldienste, hohe Patientenfrequenz, kollegiale Führung

Die ÖÄK fordert:
• eine umsichtige Spitalsreform, die das Hauptaugenmerk auf die Menschen legt
• neue, flexible Arbeitszeitmodelle für Spitalspersonal
• spitalseigene Betreuungsplätze für Kinder
• Ausbau des niedergelassenen Bereichs zur Entlastung der Spitäler
• Anpassung der Führungsstrukturen im Spitalsbereich
• flächendeckende Installation von Administrationsassistenten
• Beschränkung der durchgehenden Dienstzeit auf 25 Stunden
• Aufwertung der Landordinationen
• Umsetzung des Hausarztmodells der ÖÄK
• Balance zwischen Niederlassungen und Spitälern

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